Facelift

Fassadensimulationen auf Baustellenplanen, seit 2006
Fine Art Prints, 120 x 100 / 80 x 120 cm und 55 x 82 / 68 x 82 cm

Text Anne Vieth (Auszug)
Die Fotoarbeiten Facelift rücken großformatige Baustellenplanen an Gebäudefassaden in den Fokus. Haubitz+Zoche thematisieren in der fotografischen Serie die Spannung zwischen Realität und Fiktion. Der seit einigen Jahren anhaltende Trend der Fassadensimulation, für die im Neu- oder Umbau befindliche Bauten mit bedruckten Planen verkleidet werden, kann als neuartiges urbanes Phänomen beschrieben werden, das sich zu den traditionellen Werbeplakaten und -tafeln gesellt und das Bild heutiger Großstädte prägt. Gelingt es einigen dieser Scheinarchitekturen bereits in der faktischen Begegnung im Stadtraum, die Unterscheidung zwischen Abbild und konkreter Architektur zu erschweren, so wird der illusorische Effekt in den Fotoarbeiten von Haubitz+Zoche noch gesteigert. Das Fotografieren einer Fotografie kann zur Nivellierung jener Hinweise führen, die beim tatsächlichen Betrachten die Maskerade des Gebäudes verraten hätten.

Zugleich kann eine solche Verdoppelung jedoch den Prozess der Illusion geradezu entlarven. Wenn etwa die auf den Planen zu sehenden Spiegelungen in den Fensterscheiben und die Farbe des Himmels nicht mehr mit der fotografierten Momentaufnahme übereinstimmen. Oder wenn die Künstlerinnen festhalten, wie eine solche Verkleidung über das Baugerüst gestülpt wird und dahinter noch kaum Bausubstanz der fingierten, zukünftigen Architektur vorhanden ist. Die Serie Facelift verdeutlicht, dass Illusionen fester Bestandteil unserer Lebensrealität sind.

Konzeptionell eröffnet das angewandte künstlerische Verfahren ein komplexes Spiel mit unterschiedlichen Realitätsebenen und deren Wahrnehmung. Dabei werden kunsttheoretische Kernfragen nach dem Repräsentationscharakter von Kunst ebenso aufgerufen wie Jean Baudrillards epochenprägende Theorie der Simulation oder mediumreflexive Fragestellungen an die Fotografie. In den Aufnahmen von Haubitz + Zoche kommt die im Medium Fotografie enthaltene Ambivalenz, ein inszenatorisches und damit illusionsbildendes sowie ein dokumentierendes, realitätsgetreues Abbildungsverfahren zu sein, deutlich zum Ausdruck.

Die Auseinandersetzung mit dem Stadtraum und die Sensibilisierung für darin wirkende Mechanismen gehört zu den grundsätzlichen Themenfeldern der Künstlerinnen. Dabei interessiert sie nicht nur die architektonische Gestaltung des öffentlichen Raumes, sondern auch die inszenatorischen Strategien, die den städtischen Raum zu einer Art Bühne werden lassen. Stephan Berg hat bereits darauf hingewiesen, dass Haubitz + Zoche „die Stadt als eine theatrale Konstruktion“ und Raum und Architektur „nicht im Sinne seiner faktischen Gegebenheit, sondern als wahrnehmungsabhängige Konstruktion“ begreifen.

© Anne Vieth  (Auszug aus dem Pressetext zur Ausstellung Nusser & Baumgart, München 2010)